Determann Touristik GmbH

Studienreise Polen

Auf den Spuren der deutsch-polnischen Vergangenheit

Ulica Piotrkowska 96 oder Vom Sinn des genauen Hinschauens


Ehemaliger Firmensitz der Firma Siemens in Łódź, 1910 erbaut

Womöglich wäre ich daran vorbei geschlendert, achtlos. Denn Auffälligeres gibt es in der Ulica Piotrkowska weiß Gott genug zu sehen. Da ist schon deren schiere Länge – mehr als vier Kilometer, schnurgerade durch das Zentrum des geschäftigen Łódź. In etwa genau so lang wie der berühmte St. Petersburger Newski-Prospekt, wenn auch schmaler als dieser, sich jedoch mehr als vier Mal weiter erstreckend als die Düsseldorfer »Kö«, die manche schon für einen Prachtboulevard halten. Und auf ihr, der Ulica Piotrkowska natürlich, rechts und links ein Architekturdenkmal neben dem anderen. In seinem heutigen Zustand ist das neoklassizistische Gebäude, auf das mein Blick zunächst ohne große Aufmerksamkeit fällt, augenscheinlich weniger anziehend als benachbarte Baulichkeiten. Die Fenster im Erdgeschoß sind mit Spanplatten verschlossen, das Haus scheinbar derzeit ungenutzt. Es wartet offenkundig noch, anders als die schön restaurierten und belebten Nachbarhäuser, auf den passenden Investor.


Die schrägstehende Abendsonne indes mit ihrem milden Licht kommt mir zu Hilfe. Denn sie lässt oberhalb der zweiten Fensterreihe den Schattenriss einer Buchstabenreihe gut erkennbar hervortreten, der bei anderer Beleuchtung vermutlich unauffälliger ist. Die Buchstaben selbst, einst offenbar aus Bronze gefertigt und in die Wand eingelassen, sind verschwunden, nur einige grünliche Stümpfe der Befestigungsstifte ragen noch heraus. Der Umriss der Aufschrift, von den Einflüssen der Witterung dunkel auf die Fassadenplatte gezeichnet, ist indes geblieben: Siemens.


Ein wenig staune ich zunächst: Ein deutscher Firmenname mitten in Polen. Heute eigentlich nichts Ungewöhnliches dort, gewiss, jedenfalls nicht mehr seit 2004, mithin seit dem Beitritt unseres größten östlichen Nachbarn zur Europäischen Union. Wir haben auf der Fahrt hierher nicht wenige höchst vertraut anmutende Supermärkte mit ihren bunten Firmenlogos passiert. Der Schriftzug an dem Haus in der repräsentativen Wohn- und Geschäftsstraße des Zentrums von Łódź ist jedoch erkennbar älter, und wäre der Sitz eines umsatzstarken deutschen Großkonzerns jetzt noch dort, so wäre wohl der Zustand von Gebäude und auch Aufschrift ein besserer. Ein Relikt also.


Man muss folglich ein wenig genauer hinschauen und der Buchstabenspur am Haus Ulica Piotrkowska Nr. 96 nachgehen, um sie zu verstehen. Da kann man dann ohne größere Mühe (aber mit Polnischkenntnissen, die ich nicht habe, mir aber »borgen« kann) in Erfahrung bringen, dass dort tatsächlich einmal der Łódźer Firmensitz von Siemens war – vor dem Ersten Weltkrieg errichtet, genauer 1910. Zu diesem Zeitpunkt war Łódź seit nicht ganz hundert Jahren eine Stadt im russischen Zarenreich, genauer eine Stadt in »Kongresspolen«, das der Wiener Kongress 1815 nach den großen Umbrüchen der Zeit der Französischen Revolution und Napoleon Bonapartes dem Herrschaftsgebiet des Zaren zugeschlagen hatte. In diesen knapp hundert Jahren hatte sich das Gesicht der Stadt vollständig verändert: Noch 1820 konnte mit Blick auf Łódź von »Stadt« im Grunde keine Rede sein. Zwar besaß der 1332 erstmals urkundlich erwähnte Ort seit 1423 Stadtrecht, doch noch in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts lag die Einwohnerzahl von Łódź unter 800 Menschen, in einer Größenordnung also, die wir heute als ein eher kleines Dorf wahrnehmen. Dann jedoch setzte mit der Industrialisierung ein Boom von kaum vorstellbaren Dimensionen und ungeahnter Geschwindigkeit ein: 1897 lebten in Łódź bereits rund 314.000 Menschen und die Stadt war schlechterdings die Industriemetropole im westlichen Herrschaftsbereich von Zar Nikolaus II., von dem noch niemand wusste, dass er der letzte Herrscher der Romanow-Dynastie, ja überhaupt der letzte Monarch Russlands sein würde. 1913, als der Siemens-Bau in der Ulica Piotrkowska noch nahezu brandneu war, lebten in der sich weiter gewaltig ausdehnenden Stadt mehr als 506.000 Menschen.


Das Privileg in der Ulica Piotrkowska zu wohnen, hatte indessen nur eine verschwindend kleine Minderheit der halben Million Łódźer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich hatten sich während der rasanten Industrialisierung der Stadt an der Piotrkowska auch Fabriken angesiedelt, meist schmucklose Zweckbauten, die Umgebung mit ihren Schornsteinen dominierend, die Luft im Quartier auch. Dann war in den 1880er Jahren Karl Scheibler einer der ersten, der sich dort einen wahrhaft imponierenden Wohnsitz schuf (Ulica Piotrkowska Nr. 266). Der 1820 in Monschau in der Eifel geborene Scheibler war in Krefeld zur Schule gegangen und hatte dann seine Unternehmerkarriere in verschiedenen, zum Teil Verwandten gehörenden Textilbetrieben in Frankreich, Belgien und Großbritannien begonnen. 1848 wanderte Scheibler in Kongresspolen ein, 1854 ließ er sich dauerhaft in Łódź nieder. Der von Scheibler gegründete Betrieb wuchs explosionsartig; die Firma Scheibler wurde in kurzer Zeit zum zeitweilig größten baumwollverarbeitenden Unternehmen Europas. Dementsprechend repräsentativ fiel das Familiendomizil in der Piotrkowska aus.


Und da waren reichlich andere erfolgreiche, ehrgeizige Unternehmer in der Boomtown Łódź, die Scheibler nicht nachstehen wollten: Deutsche wie Scheibler (1913: 14,8 % der Gesamtbevölkerung der Stadt), Polen (49,7 %), Juden (34,0 %), Russen (1,3 %), ein sich gegenseitig anspornendes, konkurrierendes, kooperierendes Gemisch aus vielsprachiger Innovations- und Risikobereitschaft, Geschäftssinn und Repräsentationsfreude. Die Geyer, Poznański, Goldfeder und wie sie alle hießen, bauten ihre eigenen prächtigen Stadtvillen, die sich an der Piotrkowska (und nicht nur dort) reihen wie Perlen auf der Schnur. Und wo Fabrikanten sind, da schließen sich bald die Bankhäuser an, damit der Weg nicht weit ist für die potenten Kunden, die viel Geld bringen und noch mehr brauchen. Schließlich: Wer große Geschäfte macht, über die Grenzen des eigenen Landes hinaus handelt, der will auch informiert sein darüber, was sich tut in der Welt. So findet sich auf der Piotrkowska Nr. 86 auch das 1896/97 errichtete imposante Verlags- und Druckereigebäude der »Lodzer Zeitung«. Das 1863 – nicht zufällig mit Hilfe Karl Scheiblers – gegründete Blatt erschien in deutscher und polnischer Sprache. Und an der Vorderfront prangt noch heute die Statue Johannes Gutenbergs, die wohl einzige ihrer Art in Polen.


In diesem inzwischen noblen und geschäftstüchtigen Łódźer Umfeld etablierte sich 1910 eben auch der deutsche Elektrokonzern Siemens, eine der innovativsten Branchen der Hochindustrialisierung repräsentierend, eines der schlechthin modernsten deutschen Großunternehmen der Zeit. Die 1847 von Werner Siemens und Johann Georg Halske in Berlin gegründete Firma hatte frühzeitig begonnen, sich nicht allein in Preußen und im restlichen Deutschland auszudehnen, sondern hatte sehr rasch auch Auslandsniederlassungen gegründet. Schon seit 1863 hatte Siemens & Halske einen Produktionsbetrieb im britischen Woolich, knapp 20 Jahre später baute man ein Kabelwerk in Sankt Petersburg. Das Geschäft zählte, nicht die Nationalität: Carl Wilhelm, einer der zehn jüngeren Brüder von Werner Siemens, baute die Geschäftskontakte schon seit 1850 in Großbritannien auf, ein weiterer Bruder, Carl Heinrich, ging fast zeitgleich nach Russland. Der unternehmerische Erfolg zählte, nicht die Nationalität: Werner Siemens wurde 1888 in den preußischen Adelsstand erhoben, der in London agierende Carl Wilhelm firmierte bereits seit 1883 als Sir William Siemens, 1895 erhielt auch Carl Heinrich ein Adelsprädikat, ein russisches. Als der neue Łódźer Firmensitz entstand, war das 1910 für das 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen zwar gewiss keine reine Petitesse, allerdings wohl auch nichts Spektakuläres. Weltweit arbeiteten zu diesem Zeitpunkt bereits rund 80.000 Menschen für das Unternehmen. Bald indes sollte der Erste Weltkrieg, die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, auch in Łódź vieles verändern.


Mit den deutschen Truppen, welche die Stadt im Dezember 1914 besetzt hatten, verließen 1918 auch viele Deutsche Łódź, das nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches und der deutschen Kriegsniederlage an den wieder begründeten polnischen Staat gefallen war. Bis 1921 hat sich der Anteil der Deutschen an der Łódźer Bevölkerung auf etwa 7 % halbiert. Von den 1913 gezählten rund 75.000 Deutschen lebten nur noch etwa 31.000 in Łódź, dessen Gesamtbevölkerung durch die Folgen des Krieges insgesamt drastisch zurückgegangen war (1921 knapp 452.000 Einwohner). Auch die Firma Siemens gab ihren Sitz in der Ulica Piotrkowska Nr. 96 auf.


Grabmal auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Łódź

Spuren davon freilich blieben, andere Spuren auch. Sollte es jemandem gelingen, den Neuen Jüdischen Friedhof von Łódź ohne Beklommenheit und Trauer zu betreten – verlassen wird er diese Stätte ganz gewiss mit derartigen Empfindungen. Die seit 1892 angelegte Ruhestätte zeugt noch heute von der Bedeutung des jüdischen Bevölkerungsanteils, ohne den der rasante Aufstieg zur Industriemetropole schwerlich möglich gewesen wäre. Denn er wurde mitgetragen von Unternehmerpersönlichkeiten wie Izrael Poznański, der für Łódź wohl noch bedeutender war als Karl Scheibler. Poznańskis Werdegang mutet an wie das Märchen vom sprichwörtlichen amerikanischen »Selfmademan« und hat sich doch fast ausschließlich in Łódź zugetragen. Poznański wurde 1833 in der Nähe der Stadt geboren und ist in Łódź aufgewachsen. Der Vater Poznańskis war ein kleiner Händler, der in Łódź ins Textilgeschäft einstieg, die häuslichen Verhältnisse blieben freilich bescheiden. Erst als der 19-jährige Izrael 1852 das väterliche Geschäft übernahm, begann der große unternehmerische Aufstieg. Als 39-Jähriger nannte er eine Fabrik mit 200 Webstühlen sein Eigen, als Poznański im Jahre 1900 im Alter von 67 Jahren starb, beschäftigte er über 5.000 Menschen und hinterließ ein Vermögen im Wert von 7 Millionen Rubel. Sein ehemaliges Wohnhaus und der benachbarte frühere Fabrikkomplex gehören, sorgsam restauriert und zu einem Museum beziehungsweise einer modernen Shoppingmeile umgestaltet, heute zu den Łódźer Vorzeigeobjekten, die manchen Stadtplaner anderswo in Europa wohl vor Neid erblassen lassen.


Izrael Poznański war in vielfältiger Weise auch als Wohltäter in seiner Heimatstadt tätig, nicht zuletzt stiftete er das Areal für den Neuen Jüdischen Friedhof, wo auch er seine letzte Ruhestätte fand. Das Poznański-Mausoleum ist selbst heute noch – nachdem es mit dem ganzen Friedhof jahrzehntelang der Zerstörung und dem Verfall preisgegeben gewesen war – imponierend. Viele andere Grabstätten sind es auch, Zeugnisse der jüdischen Kultur und des jüdischen Selbstbewusstseins, die Łódź mitgeprägt haben. Erst die nationalsozialistische Gewalt-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik hat dies zunichte gemacht. Wie furchtbar ist der Kontrast selbst noch zwischen den halb verfallenen Grabmonumenten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und dem anonymen Gräberfeld, auf dem die Opfer des von deutscher Seite bereits Ende 1939/Anfang 1940 eingerichteten Ghettos von Łódź verscharrt wurden … Wie gesagt: Ohne Beklommenheit und Trauer wird wohl niemand diesen Friedhof wieder verlassen.


Unsere Tour de Force durch Polen über Posen/Poznań, Łódź, Warschau, Lublin und Krakau als Hauptstationen in Gänze zu beschreiben, würde mich wohl in die Verlegenheit setzen, ein kleines Büchlein schreiben zu müssen – und zugleich die zuständige Redakteurin in Schrecken. Folglich mag es bei Momentaufnahmen bleiben, auch wenn Kleinode wie Frédéric Chopins Geburtsort Żelazowa Wola dabei zwar nicht unter den Tisch, aber doch der Zeilenknappheit zum Opfer fallen.


Denkmal des polnischen Offiziers und Diplomaten Jan Karski (1914 – 2000)

Der nachdenklich wirkende Mann, vollkommen unheroisch auf einem Sessel sitzend, steht in merkwürdigem Kontrast zur ganz und gar heroisierenden Gestaltung des Warschauer Ghetto-Denkmals. Beide Denkmale stammen indes aus unterschiedlichen Zeiten: Das Ghetto-Denkmal wurde bereits 1948 errichtet, als die umgebende Stadt noch weithin in Trümmern lag, bewusst und systematisch verwüstet von den deutschen Besatzungstruppen. Es war gewiss auch ein Zeichen nicht allein des jüdischen Widerstandsmutes, sondern auch des Wiederaufbauwillens der Warschauer nach der Befreiung von der deutschen Gewaltherrschaft. Ein höchst symbolträchtiger Ort natürlich, den Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Dezember 1970 unmittelbar vor der Vertragsunterzeichnung mit der damaligen Volksrepublik Polen mit der aufsehenerregenden Geste seines Kniefalls auch in Deutschland berühmt machte. Das Denkmal mit dem sitzenden Jan Karski wurde indes erst 2013 errichtet, schräg gegenüber. Karski war zweifellos ein äußerst mutiger Mensch, als pathetischer Recke mochte er jedoch gewiss nicht erscheinen. 1942/43 hat der wenig mehr als 30 Jahre alte polnische Offizier und Diplomat versucht, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den im Gang befindlichen Holocaust und andere deutsche Verbrechen zu richten. Dies nachdem er zuvor unter größtem persönlichen Risiko Informationen darüber gesammelt hatte und mit unglaublichem Wagemut quer durch das von NS-Deutschland besetzte Europa zunächst nach Großbritannien und dann in die USA gereist war. Karskis dokumentarischer Bericht erschien bereits erstmals 1944 in englischer Sprache – über die aus seiner Sicht mangelnde Wirkung war Karski tief enttäuscht. Nachdem seine Heimat Polen (Karski stammte aus Łódź) 1945 in den sowjetischen Machtbereich geraten war und kommunistisch beherrscht wurde, sah er keine Möglichkeit zur Rückkehr. Er blieb in den USA, wurde Hochschullehrer und schwieg – bis ihn 1985 Claude Lanzmann dazu bewegen konnte, für seine berühmte Filmdokumentation über die Shoah vor der Kamera auszusagen. Spät erst wurde Karskis Wirken in seiner Heimat umfassend gewürdigt, das Warschauer Denkmal, knapp vor dem 100. Geburtstag und 13 Jahre nach dem Tod Karskis errichtet, stellt eine der bislang jüngsten Ehrungen dar. Die Bronze-Figur blickt nun auf das Ghetto-Denkmal einerseits, auf das neue, erst Ende 2014 eröffnete Museum für die Geschichte der polnischen Juden andererseits. Ein Ort in Warschau, an dem man viel lernen kann, und nachdenklich werden wie Jan Karski.


Lenins Denkmal im Museum »Socrealism«

Gar nicht zentral platziert wie Karski, sondern ganz wörtlich in die Ecke gestellt wirkt ein Anderer. Beider Positionierung sagt jedoch viel über die Geschichte Polens und zugleich über dessen Gegenwart aus. Die monumentale Büste Wladimir Ilitsch Lenins ist immerhin nicht wie so viele andere Erinnerungsstücke an die kommunistische Diktatur in Polen unter sowjetischer Oberherrschaft einfach verschrottet worden. Nein, ausgerechnet im Park des Schlosses von Kozłówka nahe Lublin, Zeugnis der einstigen Macht und des Reichtums des polnischen Hochadels (in diesem Falle der fürstlichen Familie Zamoyski), haben Lenin und andere kommunistische Führungsgestalten wie Bolesław Bierut und Julian Marchlewski gewissermaßen Asyl gefunden. Ein bescheidenes Asyl zwar im kleinen Museum »Socrealism«, aber doch Schutz und Zugänglichkeit für neugierige und wohl nicht selten auch verwunderte Besucher, die gerade noch vor den ungezählten, standesstolzen Porträtbildern der Fürstenfamilie im Schloss gestanden haben. Verweht sind Herrlichkeit und Macht der einen wie der anderen im heute demokratischen Polen. Insofern gehören sie vielleicht doch mehr zusammen als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Gut, dass sie hier aufbewahrt werden, das erinnert daran, dass die Demokratie in Polen keine Selbstverständlichkeit ist – so wenig wie anderwärts.


Hochaltar von Veit Stoss in der Marienkirche in Krakau

Und ach, Krakau. Nun wird’s doch das befürchtete Büchlein. Denn wie ein Ende finden mit dem Lobpreis auf die historische Kapitale Polens schlechthin? So viel Geschichte, so viel Kultur, wenn man von der Weichsel her kommend das einst jüdische Viertel Kazimierz durchwandert, über den mächtigen Wawel schreitet und schließlich nach all den Kirchen und Palästen auf den grandiosen Ring gelangt! Da muss man erst einmal Atem schöpfen, Ruhe suchen, die Unzahl der Eindrücke wirken lassen. Auf halbem Wege, in der Wawel-Kathedrale war das schwerlich erreichbar: Das Gedränge all der Touristengruppen und Schulklassen macht es nahezu unmöglich, die gewaltige Kirche als Ort ehrfürchtiger Betrachtung zu erleben. Also erst auf dem Ring hinein in die gotisch hochaufragende Marienkirche. Doch auch hier: Viele, vielleicht zu viele Menschen mit entsprechendem Geräuschpegel. Aber man selbst will ja auch schauen. Und dann steht man unversehens vor der zunächst unüberschaubar wirkenden Fülle und Vielfalt des berühmten Altars von Veit Stoß. Ein großer Künstler, der aus dem schwäbischen Horb am Neckar stammende Bildhauer, der hier zwischen 1477 und 1489 eines seiner Hauptwerke schuf, ein großer Künstler, der zu Recht noch heute in Deutschland und in Polen gleichermaßen verehrt wird. Man muss sitzen, lange sitzen, um all die Figuren, einprägsam individuelle Gestalten allesamt, mit der schuldigen Aufmerksamkeit zu betrachten. Und spätestens dann wird derjenige, der sich der Mühe des genauen Hinschauens unterzieht, stumm. Und verharrt in der einzig angemessenen Haltung.


Autor: Prof. Dr. Winfrid Halder

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