Determann Touristik GmbH

Studienreise St. Petersburg

Die letzte Perle

Innenansicht der katholischen St. Katharinen-Kirche am Newski-Prospekt

Die schwere Eichentür fällt hinter mir ins Schloss und unversehens bin ich – daheim. Der Straßenlärm, die röhrenden Automotoren, die aus Megaphonen plärrenden Werbesprüche, die zu einer Kanalrundfahrt oder Ähnlichem offenbar mehr nötigen als einladen wollen, das vielsprachige Stimmengewirr, sie sind ausgesperrt. Eigentlich hatte ich gar nicht vor hier einzutreten, wollte allenfalls einen kurzen Blick hineinwerfen. Aber nun erfasst mich sogleich der tief vertraute Rhythmus und ich bleibe – auch wenn ich kein Wort verstehe, denn ganz nach der Vorgabe des Zweiten Vaticanums wird das Messformular hier in der Landessprache gebetet, also auf Russisch. Doch der liturgische Reigen von Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei ist eben überall der gleiche und so weiß ich jederzeit, was gerade geschieht, bin ganz „dabei“.


Außer mir sind vielleicht 25 weitere Menschen versammelt auf dieser Insel der Ruhe, vor deren Tür der Newski-Prospekt, also schlechterdings der Prachtboulevard St. Petersburgs rauscht. Platz indessen wäre gewiss für mehrere Hundert Menschen in diesem Gotteshaus, der zwischen 1762 und 1783 errichteten St. Katharinen-Kirche. Aber es ist eben eine 19 Uhr-Werktagsabendmesse, in die ich durch Zufall geraten bin. Das ganz und gar Un-Alltägliche geschieht also im ganz Alltäglichen. Da bleibt die Zahl der Betenden übersichtlich – nicht nur hier. Aber was sind schon Zahlen, denkt man an Matthäus 18,20...


Überhaupt: eine katholische Kirche, obendrein alles andere als „versteckt“, vielmehr weiß Gott prominent platziert, ein geräumiger, lichter Bau im Übergang zum Klassizismus – und das in Russland, ungewöhnlich genug. Das Staunen wird noch größer, wenn der Betrachter, wieder vor der Tür und zurück im Getöse des Newski-Prospekts, sich ein wenig in der Nähe umsieht. Wendet er sich nach links, den Prospekt abwärts Richtung Alexander-Newski-Kloster (dem Blick freilich aufgrund der monumentalen Länge des Boulevards entzogen), so trifft er alsbald auf die baustilistisch ähnliche Armenische Kirche. Wendet er sich indes nach rechts, auf die ihren spitzen Turm schon aus der Ferne unübersehbar in die Höhe reckende Admiralität zu, so findet er sich nach wenigen Minuten vor der evangelisch-lutherischen Petri-Kirche. Der heutige Bau, strenger und schlichter – wie es sich für ein protestantisches Bethaus gehört – als die nahe St. Katharinen-Kirche, stammt aus den 1830er Jahren. Damals benötigte die wachsende evangelische Gemeinde eine Kirche, die größer war als der erste, um 1730 errichtete Vorgängerbau. Drei Kirchen also auf verhältnismäßig engem Raum (wobei man hier im kaum mehr als 200 Jahre jungen St. Petersburg freilich stets mit anderen Größenmaßen rechnen muss als in den verwinkelten mittelalterlichen Stadtzentren sonstiger Ostseekapitalen wie Lübeck, Riga oder Stockholm), die nicht zur russisch-orthodoxen Konfession gehören. Schon ihre bloße Existenz macht deutlich: St. Petersburg ist keine „normale“ russische Stadt.


Allerdings: Wenn unser Betrachter vom Portal der St. Katharinen-Kirche den Blick auf die andere Seite des Newski-Prospektes schweifen lässt, dann werden zumindest die russischen Größenordnungen, zugleich aber mehr als dies deutlich. Denn gegenüber, auf der anderen Seite der repräsentativsten Straße der an architektonischen Schaustücken wahrhaft nicht armen Stadt steht wuchtig die – natürlich – russisch-orthodoxe Kathedrale der Muttergottes von Kasan. Als diese im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, waren die deutlichen architektonischen Anleihen, die am Vorbild des Petersdomes in Rom genommen wurden, Programm. Und natürlich war auch der Umstand, dass die 90 Meter in die Höhe ragende Kuppel der Kasaner Kathedrale sich weit über die Außenmaße von St. Katharinen-, Petri- und Armenischer Kirche hinaus erhebt, kein Zufall. Mag also die Dominanz der russischen Orthodoxie hier auch zum Ausdruck gebracht worden sein, so bleibt die enge Nachbarschaft von vier Kirchen unterschiedlicher christlicher Konfessionen doch bemerkenswert. Nicht zufällig ist im Übrigen die St. Katharinen-Kirche die älteste katholische Kirche in Russland. St. Petersburg war seit seiner Gründung durch Zar Peter den Großen im Jahre 1703 Russlands Tor zum Westen. Ein in beide Richtungen offenes Tor: Nicht nur Russen brachen von hier aus seit jeher nach Westen auf, sondern es kamen schon immer auch Mittel- und Westeuropäer hierher. Petersburg war eine „Multi-Kulti-Stadt“, längst bevor das Wort dafür erfunden wurde. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lag der Ausländeranteil unter den damals deutlich über 200.000 Bewohnern Petersburgs bei etwa 20 %. Bei der 1869 durchgeführten Volkszählung waren von den knapp 670.000 Petersburgern allein rund 46.000 Deutsche. Die vielen Nicht-Russen pflegten mithin ihre eigene Kultur, ihre Konfessionen – das prägte die Stadt mit.


Dies zumal sehr viele der Ausländer gezielt hierher gerufen worden waren. Schon der Stadtgründer Zar Peter der Große berief insbesondere Architekten und andere Künstler aus West- und Südeuropa in seine neue Kapitale, gerade weil sie eine westliche Stadt werden sollte. Seine Nachfolgerinnen und Nachfolger taten es ihm gleich. So kann man vor allem die großen Repräsentationsbauten der Zarendynastie, aber auch die der großen Adels- und Bürgerfamilien gewissermaßen als architekturgeschichtliches „Who is who?“ Europas „lesen“.


Überhaupt – die Künste in St. Petersburg. Schon die Architekturinteressierten könnten hier wohl Wochen zubringen, ohne auch nur ein Gebäude zu betreten. Für die Besucher, die weniger als ein paar Wochen Zeit haben, ist der Aufenthalt eine Aneinanderreihung bedauernden Verzichtens. Soviel schauen kann niemand, wie man es eigentlich hier müsste. Möglich wäre es auch, den mehrwöchigen Aufenthalt allein im Museumskomplex der Eremitage zuzubringen. Und selbst der müsste gut geplant sein, denn in den 350 Sälen mit rund 60.000 Exponaten (das sind etwa 2 % des Gesamtbestandes) verliert man allzu leicht den Überblick. Abstriche machen heißt es also auch hier.


Und gesetzt den Fall, wir könnten den hypothetischen mehrwöchigen Aufenthalt in St. Petersburg doch in die Tat umsetzen, so wären in der Eremitage eben lediglich die bildenden Künste angerissen, es hieße wiederum verzichten, etwa auf Literatur und Musik. Nein, inakzeptabel. Also müssen wir doch noch ein paar Wochen Aufenthalt anhängen, um St. Petersburg mit den einschlägigen großen Werken der Weltliteratur unter dem Arm oder besser noch im Kopf zu erkunden. Aber allein schon Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“, der weithin in St. Petersburg spielt, hat verzweiflungsvolle 900 Seiten, dazu müssten ja nun wenigstens noch die knapp 800 Seiten von „Schuld und Sühne“ kommen, Dostojewskis Roman-Erstling, der ebenfalls in der Stadt an der Newa spielt … Und dann hat man noch keine Zeile all der anderen gelesen, müsste doch zumindest noch den Literaturnobelpreisträger und gebürtigen Petersburger Joseph Brodsky berücksichtigen oder die große Lyrikerin Anna Achmatowa oder deren Freundin Lydia Tschukowskaja. An die denke ich, als wir das „Große Haus“ am Liteyny-Prospekt passieren – ein nüchternes Gebäude aus der sowjetischen Moderne der frühen 1930er Jahre, bevor Stalin den überladenen „Zuckerbäckerstil“ verordnete. Das Gebäude erfüllt noch immer den Zweck, zu dem es vor über 80 Jahren errichtet wurde: Es ist der örtliche Sitz des russischen, einst sowjetischen Geheimdienstes. Mithin ist es in Petersburg das, was die berüchtigte „Lubjanka“ in Moskau ist. Das „Große Haus“ war also ein Ort des Schreckens, vor allem während der „Großen Säuberung“ in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, also der von Stalin verordneten mörderischen Massenverfolgung tatsächlicher und vermeintlicher Gegner des Sowjetsystems. Lydia Tschukowskaja, deren Ehemann, der Physiker Matwej Bronstein, 1938 als 32-Jähriger im Zuge der Verfolgung vermutlich im Keller des „Großen Hauses“ erschossen wurde (während man sie in dem Glauben ließ, er sei wegen „staatsfeindlicher Tätigkeit“ zu zehn Jahren Straflager mit Kontaktverbot verurteilt worden), hat die Atmosphäre in Petersburg dieser Zeit in einzigartiger Weise literarisch eingefangen. In ihrem bereits 1939/40 heimlich verfassten, aber erst 1967 im Westen, 1988 erstmals in der Sowjetunion veröffentlichten Roman „Ein leeres Haus“ zeichnet sie das tief beklemmende Bild einer im Grunde völlig unpolitischen Frau, die in den Strudel der rational schwerlich fassbaren Jagd nach „Feinden“ gerät, unfähig, auch nur im Ansatz zu verstehen, was um sie herum und mit ihr geschieht. Also: Die schmalen 140 Seiten von Lydia Tschukowskaja sind Pflichtlektüre, denn Petersburg steht eben beileibe nicht nur für das Schöne und Sehenswerte in der russischen Geschichte.


Die Peter- und Paul-Festung

Für all das, was wir nicht lesen können, da uns ja die Wochen, die Monate in St. Petersburg fehlen, gilt es Abbitte zu leisten, am besten am Grab Fjodor Dostojewskis auf dem Friedhof des Alexander-Newski-Klosters, das am Ausgang des Newski-Prospektes liegt. Doch, oh je, nur wenige Schritte weiter stößt unser Betrachter, der hier eben keine Monate zubringen kann, auf einen weiteren kulturellen Kosmos, für den St. Petersburg steht. Hier ruhen im Umkreis von wenigen Metern Michail Glinka, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Borodin, Anton Rubinstein, Pjotr Tschaikowski und Alexander Glasunow. Die Schöpfer einer Welt von Tönen, die führenden Männer der russischen Musik im 19. und frühen 20. Jahrhundert liegen hier friedlich beieinander – mögen sie sich zu Lebzeiten auch im ästhetischen Sinne teilweise alles andere als einig gewesen sein. Also noch ein paar Wochen hier, um dem Streit zwischen dem „nationalrussischen mächtigen Häuflein“ (Mussorgski, Borodin, Rimski-Korsakow u. a.) und den „Westlern“ (besonders Tschaikowski) nachzuspüren oder besser nachzuhören...­


Aber sie fehlen uns, fehlen mir, die notwendigen Wochen in St. Petersburg. Dennoch – eines muss noch sein: Ich besuche den „Dom Knigi“, das „Haus des Buches“, natürlich am Newski-Prospekt. Hier war ich schon einmal, nämlich vor fast genau 26 Jahren, am 4. April 1988. Da hieß die Stadt noch Leningrad. Der damals schon chronologiebeflissene Historiker hat sich in die drei dort gekauften Bücher das Datum notiert, der Preis war schon hinten hineingestempelt. Ich habe also für zwei Romane von Arnold Zweig (ein Niederschlesier, aus Glogau wie Gryphius, den die Nazis nach Palästina vertrieben) und einen von Lion Feuchtwanger (ein Münchner, den die Nazis nach Kalifornien vertrieben), alle drei schöne leinengebundene Ausgaben des Ost-Berliner Aufbau-Verlages, insgesamt 8 Rubel und 11 Kopeken investiert. Die belasteten mein studentisches Budget mit demselben Betrag in D-Mark. Denn ich hatte ja schwarz zum 1:1-Kurs getauscht (statt offiziell drei D-Mark für einen Rubel mit dem Konterfei Lenins), ganz ungeniert wie alle anderen Mitreisenden auch in der Sowjetunion im Jahre Drei der Ära Gorbatschow. Jetzt besuche ich den „Dom Knigi“ erneut, mache die Erfahrung, dass die Preise in den zurückliegenden 26 Jahren kräftig gestiegen sind, finde auch keinen Feuchtwanger und keinen Zweig mehr, aber viel Petersburg-Touristen-Schrott auf Hochglanzpapier, erlebe zugleich im überfüllten Buchladen, dass die beständigen Warnungen vor Taschendieben offenbar nur allzu berechtigt sind. Aber die zwei jungen Männer stellen sich nicht sehr geschickt an beim Versuch, im Gedränge meine Umhängetasche zu öffnen, sind womöglich noch Anfänger und haben wohl auch ein wenig zu viel getrunken, denn schon die penetrante Alkoholausdünstung hat mich misstrauisch gemacht und auf Distanz gehen lassen, bevor ich das Geruckel an meiner Tasche noch recht wahrnahm.


Nein, das soll nicht mein Schlusseindruck des viel zu kurzen Aufenthalts in St. Petersburg sein. Also wandere ich, unbestohlen, den Newski-Prospekt noch einmal ein Stückchen weiter hinauf, betrete eine kleine Musikalienhandlung und kaufe mir eine CD mit der 7. Sinfonie von Dimitrij Schostakowitsch, der „Leningrader Sinfonie“. Ich investiere dafür ein wenig mehr als für den Buchkauf von 1988, nämlich 150 Rubel – oder (ganz legal getauscht) 3 Euro. Auch ein Stück russischer Wirtschaftsgeschichte.


Schostakowitsch, 1906 in St. Petersburg geboren und dort Schüler Alexander Glasunows, hat die Sinfonie als bereits weltberühmter Musiker 1940/41 geschrieben. Sie wurde zum musikalischen Fanal des Kampfes um seine Heimatstadt, die zu dieser Zeit die mörderische Belagerung durch die deutsche Wehrmacht zu erleiden hatte. Schostakowitsch indessen war überzeugt, dass der Triumph über die Besatzer kommen würde, und nahm ihn im letzten Satz vorweg. Rund eine Million Menschen in Leningrad konnten die tatsächliche Befreiung der Stadt nach 871 Tagen Belagerung Ende Januar 1944 nicht mehr miterleben, da sie zuvor durch Hunger, Krankheit und Beschuss zugrunde gegangen waren. Die Aufnahme der „Leningrader Sinfonie“, die ich kaufe, rauscht und knackt, unverkennbar ursprünglich eine Schallplattenaufnahme, lediglich neumodisch digitalisiert. Kein Wunder: Sie stammt von 1953. Aber: Es spielen die Leningrader Philharmoniker unter dem legendären Jevgenij Mravinskij. Dieser, 1903 in St. Petersburg geboren, leitete das Orchester seiner Heimatstadt von 1938 bis zu seinem Tod 1988, nicht ganz 50 Jahre lang also. Schostakowitsch hat Mravinskij zahlreiche Uraufführungen seiner Werke anvertraut. Es geht also um den genius loci, der hinter den Störgeräuschen zu hören ist.


Nein, zu einem Ende kommen kann man mit dieser Stadt und ihrer Faszination wohl niemals. Man kann nur, da der Betrachter eben nicht für Wochen oder Monate bleiben kann, vorübergehend aufhören mit dem Schauen – in der Zuversicht auf Rückkehr. Insofern mag das Ende unserer Studienreisen in den Ostseeraum, dieser Kette aus staunenswerten „Perlen“, die mit Lübeck begann und uns dann nach Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, Kolberg, Danzig, Marienburg, Frauenburg, Memel, Riga, Tallinn, Helsinki, Stockholm und Kopenhagen führte, bis wir zu guter Letzt nach St. Petersburg gelangten, ein vorläufiges sein. Das wagen wir zu hoffen.


Autor: Prof. Dr. Winfrid Halder

| Impressum | AGB |